Älter werden …

Ich hab dem Blogbeutel versprochen, dass ich ihn zum Thema „Alter(n)“ – „Alte oder Altlast“ noch einmal besuchen werde, dass ich vorher jedoch zunächst ein Weilchen in mich gehen und mir Gedanken darüber machen will.
Ich gestehe: Eigentlich wollte ich mich dann doch davor drücken, weil solche Gedanken ja nicht gerade angenehm sind.

Gestern Abend dann, als Denis Scheck die Autorin und Inhaberin des Literatur-Nobelpreises 2007 Doris Lessing besuchte, um mit ihr über ihr neuestes Buch „Alfred und Emily (Hoffmann und Campe) zu sprechen, sagte sie dann einige Dinge, die die Sache – auch für mich – auf den Punkt treffen. Unter Anderem machte sie wenig Hoffnung auf ein weiteres Buch von ihr. Sinngemäß: „Das Schreiben ist im Alter viel zu anstrengend – wegen all der Zipperlein, mit denen man belastet ist, und um die man sich kümmern muss. Da kann man sich nicht auch noch auf Geschichten konzentrieren. Es fällt einem einfach nichts mehr ein …“

Ja, das ist es, dachte ich, Alter(n) ist „anstrengend“, zieht die Energie von den schönen Dingen ab, und ich beschloss, mein Versprechen zu halten und doch ein wenig darüber nachzudenken – auch wie ich persönlich mein Altern empfinde.

Gäbe es im Verlauf des Alterns nicht diesen – oft mit Schmerzen verbundenen – körperlichen Verfall, wäre es sogar wunderbar, denn man erlangt mit den Jahren ja auch eine gewisse Reife, Gelassenheit und „Weisheit“. Ich möchte zum Beipiel nicht mehr 20 sein und mir über meine berufliche Zukunft Sorgen machen müssen. Bin froh, dass ich nicht mehr auf der Suche nach einem Partner und der ‚Liebe meines Lebens‘ sein muss, und dass ich mich entspannt zurücklehnen kann, da ich Letzteres nach einigen Irrungen und Wirrungen längst gefunden habe und meine Altersversorgung ja schon „durch“ ist. Und ich nehme an, dass diejenigen, die sich bis ins hohe Alter bester Gesundheit erfreuen, über das Alter auch völlig anders denken, als jene, bei denen es mit der Zeit an immer mehr Ecken und Kanten knirzt und knarzt.

Falten allein wären ja nicht schlimm. Sie sind wie ein körperliches Archiv meines gelebten Lebens und im Grunde rein äußerlich.
Gut, das kann einen auch unangenehm treffen – besonders wenn man in jungen Jahren einmal recht attraktiv war und nun feststellen muss, dass der Lack, mit dem man im Laufe des bisherigen Lebens bei vielen Leuten ziemlich gut ankam, nun ab ist. Man ist halt eine dieser vielen alten Frauen, die man manchmal kaum noch von einander unterscheiden kann – besonders dann nicht, wenn sie alle mit grauen Haaren daherkommen. Aber diese Falten tun nicht weh, und wenn man nicht gerade jemand ist, der ständig vorm Spiegel steht, sieht man sie selbst ja nur selten … *g*

Vom Gefühl her und im Kopf verändert man sich während des Alterns aber nicht wirklich. Ich jedenfalls denke nicht so wie ich es von einem Menschen in den 60igern früher als junger Mensch erwartet hätte. Nein, im Kopf bin ich noch immer 20. Na gut, sagen wir mal 30 – mit den Erfahrungen und Einsichten von 60 Jahren. Da passt mit der Zeit das Außen und das Innen nicht mehr so recht zusammen – das ist schon schwierig …

Was ich mir allerdings GARNICHT vorstellen kann ist die Tatsache, dass es vielleicht nur noch ein paar Jahre braucht, bis man mich nicht mehr ernst nehmen, mich – beispielsweise in einem dieser grauenhaften Heime – wie ein Kleinkind behandeln und schlecht versorgen könnte, und ich kann auch nicht verstehen, dass die heutigen Entscheidungsträger nicht bedenken, dass auch SIE eines Tages das Alter mit seinen möglicherweise recht unangenehmen Begleiterscheinungen treffen wird – und zwar unausweichlich! Schon im Hinblick auf die eigene Zukunft müssten sie heute doch alles dafür tun, dass alte Menschen würdig und angemessen betreut und versorgt werden, und dass beim Gesundheitssystem nicht ständig weiter zusammengespart wird.
Aber das wird offenbar verdrängt so lange es geht. In der Regel stehen diese Entscheidungsträger finanziell ja auch in der Zukunft so gut da, dass sie sich über eine eventuelle Unterversorgung im Alter keine Gedanken machen müssen …

Seit ich 60 bin mache ich mir des öfteren Gedanken darüber, wie viele Jahre ich nun wohl noch haben werde.
Noch 10 Jahre?
Noch 20 …?
Könnte ich mir – falls die Emma mal nicht mehr ist – noch einmal einen neuen Hund anschaffen? Oder überlebt sie mich gar …? Was geschieht dann mit ihr? Der Michi-Mann muss ja arbeiten – noch eine ganze Weile, immerhin ist er 10 Jahre jünger als ich – und ist am Tag kaum zuhause …
Lohnt es sich, an unserem Haus noch viel zu machen? Maßnahmen zur Energieeinsparung – Dämmung hier und dort? Neue Fenster, neue Heizung, Solaranlage etc.?
Rechnet sich das, wenn ich eh in 10 Jahren nicht mehr lebe? Michi allein könnte einen zusätzlichen Kredit ja nicht tragen. Würde er das Haus allein überhaupt halten können …?
Was passiert, wenn ich ernsthaft krank werde und ins Krankenhaus muss?
Sollte ich mir schon mal ein Köfferchen packen – mit allen notwendigen Dingen dafür – damit man es im Notfall nur noch rasch zu greifen braucht …?

An solche Dinge hab ich z.B. noch vor wenigen Jahren nie gedacht …

Grundsätzlich bin ich aber recht froh, dass mir nicht mehr allzu viele Jahre bleiben. Ich hatte großes Glück! Nach dem 2. Weltkrieg geboren habe ich mein Leben bisher in einer langen Phase ohne Krieg und ohne Mangel innerhalb Europas verbringen dürfen. Dazu noch in recht stabiler Gesundheit, ohne Behinderung und mit vielen schönen menschlichen Begegnungen.
So wie die Welt sich momentan jedoch entwickelt, möchte ich der wachsenden Kälte in der Gesellschaft nicht mehr lange zusehen müssen.
Und – wie ich an anderer Stelle ja schon schrieb: Ich werde – wenn es mal zuende ist – meine Seele durchs Weltall fliegen lassen und für mich, neugierig wie ich nun mal bin, endlich die Frage klären, wo das zuende/begrenzt ist, denn (vom Kleinen zum Großen!) etwas Anderes als ein – für uns – unüberschaubar großes, körperliches Gebilde kann das ja auch nicht sein, wenn es physikalisch-biologischen Gesetzmäßigkeiten folgt. (Vergleich: Sonnensystem = Zelle. Und was weiß eine Zelle in meiner Niere schon von den Zellen in meiner Haut?)

So, nun aber ab unter die Dusche, denn ich muss gleich zur Fußpflegerin. Von diesem Berufsfeld wusste ich übrigens vor einigen Jahren auch noch nicht mehr als über die Tatsache, dass es sowas gibt … 😉

6 Gedanken zu „Älter werden …

  1. Wildgans sagt:

    und dass doris lessing noch ans telefon ging- so normal alles bei ihr- aber diese fisselige omastimme, ohnä. was sie über die übellaunigkeit meinte, fand eine meiner freundinnen das tollste- sie hasst alle gut gelaunten älteren.
    auf jeden fall hat der beitrag anstoss gegeben einigen damen…..und deinen las ich auch interessiert. machen wir weiter mit dem knirschenden gebälk…gruß von der wildgans sanft-ente

    Wildganss letzter Blogeintrag: Kurzheftigintensiv

  2. Christelinchen sagt:

    Ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen und gemerkt, wie ähnlich sich unsere Gedanken sind. Auch mich streift häufig der Gedanke: Lohnt das noch. Ein neues Auto, den Boden ausbauen, eine Sprache lernen und, und und. Aber ich habe dann schnell einen guten Bekannten im Hinterkopf, der mit über 70 noch ein Kunststudium begonnen hat und auf die ständigen Fragen, ob das denn noch lohne geantwortet hat: „Soll ich mich nun hinsetzen und auf meinen Tod warten. Dann habe ich mit Sicherheit keinen Spaß mehr an meinen letzten Tagen. So gestalte ich sie mir zur Freude, ohne an den Nutzen zu denken.“ Er hat noch lange Jahre tolle Kunstwerke geschaffen und auch verkauft. Hätte er sich von seinem Umfeld abhalten lassen das zu tun, was ihm Freude macht, wären ihm und uns viele schöne Dinge entgangen und er hätte noch viele traurige Jahre verbracht. Also: Packen wir es an so lange wir können und genießen es, jetzt die Zeit für viele Sachen zu haben, die man während der Berufstätigkeit nicht tun konnte.
    Gruß
    Christelinchen

  3. Ulinne sagt:

    Logisch, man darf sich von den schönen Dingen, die einem Spaß machen und die Lebensqualität bringen, doch auf keinen Fall abhalten lassen. Aber ehe ich viel Geld investiere, überlege ich jetzt halt doch. Und wenn es um ein Lebewesen – wie z.B. einen neuen Hund – geht, muss man in meinem Alter sehr verantwortungsvoll damit umgehen und evtl. verzichten, wenn man nicht weiß, ob man dieser Verantwortung noch gerecht werden kann …

  4. Thorsten sagt:

    Dein Beitrag ist eine wertvolle Bereicherung und trägt zur Enttabuisierung und Relativierung des Everyoung-Hypes bei. Wünsche mir mehr davon und finde es auch für die jüngeren wichtig, daß es offen thematisiert wird. Irgendwie fehlt es da zwischen den Generationen an Transparenz (in beide Richtungen). Eigentlich will ich noch einen zweiten Teil dazu schreiben, komme aber zu nix…

    Gruß
    Thorsten

    Thorstens letzter Blogeintrag: Alte oder Altlast?

  5. Nante sagt:

    mal schnell ein Kurzschuss von mir

    bin alt

    Alt werden ist
    Verluste ankzeptieren
    und sich neue Felder suchen
    auf denen es gilt, neuen Verluste
    zu ertragen

    Ich liebe Doris Lessing – und Dich, Ulinne, dass Du etwas thematisierst – ernsthaft – was auch mich gerade beschäftig -eher unernst, wie das so meine Art ist….

    Nantes letzter Blogeintrag: mal sehen, ob es funktionert …

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