Das Theater um das „Zentrum gegen Vertreibung“

Vielleicht kann mir ja jemand helfen und mir das ganze Theater um dieses „Zentrum gegen Vertreibung“ in Berlin, um das – offenbar nicht nur wegen der Steinbach – sogar ein völlig blödsinniger Streit mit unserem Nachbarland Polen riskiert wurde, erklären.
Ich verstehs nicht.
Ich verstehe auch nicht, wieso wir heute noch – über 60 Jahre nach dem letzten, vom verbrecherischen, deutschen Regime angezettelten Krieg und den damit verbundenen Vertreibungen – so etwas wie den Bund der Vertriebenen brauchen …
Es will mir nicht in den Kopf, denn für mich ist die Sache klar:
Krieg angefangen, jede Menge Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, Krieg verloren, Land weg, Grenzen neu gezogen – fertig.
Ja, so geht das nun mal, wenn man als dummes Volk einem Geisteskranken zujubelt, ihm alles abkauft, was er da herumbrüllt, und alles abnickt, was der mit seinem Nagel im Kopf von einem will. Für mich ist das eine völlig logische Konsequenz.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich, als ich noch recht klein war (6 oder 7 vielleicht – Anfang der 50iger Jahre), mit meinen Eltern mal ein Schlesier-Treffen besucht habe – damals in der Halle Münsterland, denn meine Mutter ist in Schlesien geboren und musste während des Krieges, als sie um die 17/18 war, von dort fliehen. Vom Schlesier-Treffen versprach sie sich damals, eventuell ein paar verlorengegangene Menschen wiederzutreffen.

Auch die Familie meiner Mutter hat in Schlesien viel verloren, sie war recht begütert. Ländereien, Konservenfabrik, eine tolle Villa, deren Foto bis heute bei meiner Mutter an der Wand im Altenheim hängt …
Aber da war nie der Gedanke, auch nur ein Fitzelchen davon zurückzubekommen. Nein, es ging nur um die verlorenen Kontakte, von denen einige während dieses Treffens auch tatsächlich wieder zustande kamen.

Insgesamt erinnere ich mich jedoch daran, dass ich dieses Treffen recht unangenehm fand – mit all den seltsam angezogenen Fahnenträgern, den komischen Liedern, die man dort sang, und den eigenartigen Bewegungen der Arme. Damals verstand ich die Bedeutung dieser Armbewegungen natürlich noch nicht, wollte einfach nur die ganze Zeit lang dringend nach Hause, doch mit meinem heutigen Wissen graust es mir auch nachträglich noch …

Doch selbst wenn meine Mutter oder meine Großmutter damals – so kurz nach dem Krieg – etwas von ihrem Besitz hätten zurückhaben wollen, das wäre HEUTE nach so vielen Jahren doch gar nicht mehr relevant. Meine Großmutter ist längst tot, und meine Mutter ist jetzt 86 Jahre alt. Die fühlt sich längst nicht mehr „vertrieben“, die hat den größten Teil ihres Lebens in NRW verbracht, hat dort geheiratet, ihre Kinder dort bekommen, hat dort ihr Leben gelebt und verbringt ihre Zeit nun hoch zufrieden in einem der wirklich guten Altenheime, in der es nach ihrem Geschmack genau die richtige „Action“ und Unterhaltung für alte Damen gibt. Das alte Schlesien ist weit, weit weg.

Wer lebt heute denn noch von denjenigen, die damals wirklich aus ihrer Heimat vertrieben wurden? Wer sind die Aktiven, die heute diesen seltsamen Vertriebenen-Bund aufrecht erhalten? Was wollen sie damit bezwecken? Und warum klagen auch heute noch einige darum, ihre Ländereien, ihre Güter und – was weiß ich – wieder zurückzubekommen? Dort haben doch längst Andere ihre Heimat gefunden, und die sind zum großen Teil ebenfalls vertrieben worden. Eine große Umverteilung also, die man nach über 60 Jahren und mindestens zwei weiteren, hier wie dort mittlerweile gut integrierten Generationen, endlich annehmen und akzeptieren sollte, denke ich.

Was dieses Zentrum gegen Vertreibung nun noch soll, verstehe ich nicht. Verstehst du es?

Und wer bezahlts? Doch nicht etwa wir Steuerzahler, oder? …

Also WENN es schon unbedingt ein Zentrum sein soll, in dem man sich neben dem Leid von Heimatvertriebenen auf der ganzen Welt auch für die weltweiten Menschenrechte einsetzen will, dann soll man es doch einfach „Zentrum für Menschenrechte “ nennen, da hätte man das Recht auf Erhalt der Heimat gleich mit drin, und dann hätte es auch weniger von diesem eigenartigen „Gschmäckle“, bei dem man die ewig Gestrigen hinter dem Ganzen vermutet.

Allerdings müssten das dann ganz andere Leute in die Hand nehmen …

8 Gedanken zu „Das Theater um das „Zentrum gegen Vertreibung“

  1. Wolfgang aus Greifswald sagt:

    Shalom liebe Ulinne, auch ich frage mich, was dieses Theater um dieses Zentrum für oder gegen Vertreibung soll. Klar muß informiert werden über das begangene und erlittene Unrecht auf beiden Seiten, aber ob gerade die Vertriebenen- Organisationen dafür die Richtigen sind, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne auch Leute, die damals aus Schlawe(Pommern) vertrieben wurden, die waren auch mal wieder in der alten Heimat, als es wieder möglich war. Zurück wollten sie aber nicht mehr, zu lange ist es her, daß sie dort wohnten und die jetzt dort wohnenden Polen sind ja auch aus jetzt zu Rußland gehörenden Gebieten gekommen. Aber sie kriegen auch „’nen Hals“ wenn sie das Wort „Polen“ nur hören, denn sie haben wie so viele in diesem Krieg fast alles verloren.
    Du hast vollkommen recht, liebe Ulinne, es steht gerade uns Deutschen nicht zu Gebote, das laute Wort zu führen. Die unselige Hitlerei wird, damit müssen wir wohl leben, uns noch sehr sehr lange anhängen, viel länger noch als bis die Generation, die das selbst erlebt hat ausgestorben ist. Das ist ins kollektive Bewußtsein eingebrannt und muß uns Mahnung sein allezeit, daß niemals mehr österreichische Obergefreite, saarländische Dachdecker oder ähnliche Diktatoren in D-Land das Sagen haben. Ich sehe wirklich die Gefahr, daß die Extremisten, linke oder rechte,immer mehr Oberwasser bekommen, je mehr sich die demokratischen Parteien im „Eiertanz“ profilieren, sich nur noch um sich selbst drehen, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl aufhören zu arbeiten, zu regieren.
    Wen ich im September wählen soll, weiß ich nicht. Aber ich geh wählen um dazu beizutragen, daß kackbraun oder hochrot möglichst wenig im Reichstag ein- und ausgehen.
    Liebe Grüße vom Wolfgang aus der schönsten Hansestadt am Ryck 😉

  2. Nante sagt:

    Meine väterliche und meine mütterliche Familie stammt aus Oberschlesien ( Slask/Polska) … ich lebte bis zu meinem 6. Lebensjahr ebenfalls in einem kleinen Dorf bei Gliwice.

    Alle Freunde meiner Eltern in Berlin waren Oberschlesier: klar – sie sangen ( wir Kinder mit) Das Heimwehlied vom Rübezahl…
    http://www.youtube.com/watch?v=BqoIIBuIxmg

    Ihre Jugenderinnerungen waren fest mit ihrer Heimat verbunden..

    Das war es — nie hörte ich ein Wort der Rückforderung … Keiner aus unserer riesigen “ heimatvertriebenen“ Familie war je in einem Verband.
    Die Oder-Neißegrenze sollte eine FRIEDENSGRENZE bleiben.

    Ich weiß nicht, wie aktuell diese überalterten Vereine noch “ worken“ — aber: es ist nicht Recht. Revanchismus hat dem ZWEITEN WELTKRIG Pate gestanden ..

    Nie wieder Krieg — das sollten gerade wir Deutsche uns immer merken …
    Heimat ist dort, wo meine Sprache gesprochen wird… aber das PjeronnebeiGleiwitz-Deutsch spricht niemand mehr …

    ich habe es noch im Ohr – so familiengemäß — wir alle sprechen Hochdeutsch – seit 1945 – in Berlin

    Nantes letzter Blogeintrag: Rilkeprojekt …

  3. Elke sagt:

    Hallo Ulrike,
    du sprichst mir aus der Seele. Ich habe dieses „Vertriebenentheater“ nie so recht verstanden. Was passiert ist, ist Geschichte und irgendwann waren die betroffenen Deutschen – als Volk gesehen, das Hitler zugejubelt hat – auch selbst dran schuld. Ich denke, die Menschheit hat doch heute wirklich genug andere Probleme zu bewältigen als an diesen alten Klamotten festzuhalten. Sonst landen wir mit solchen Ansprüchen irgendwann wieder bei den Römern und den alten Germanen, den Hunnen und den Sachsen und der Völkerwanderung.
    Lieben Gruß
    Elke

  4. Silberling sagt:

    Na jaaa, ihr müsst das in einem großen Zusammenhang sehen. Und Euch immer fragen „Wem nützt es?“. Man braucht dieses Vertriebenenzentrum aus einem einfachen Grund. Die Alten, die Selbsterlebten, die VERTRIEBENEN, die sterben AUS!
    Wie Ulinne (ich hoffe ihr bemerkt, diesmal habe ich den Namen richtig geschrieben 😉 ), was ihre eigenen Mutter angeht (ich wünsche Dir das Sie noch ein langes erfülltes Leben hat!), schon selbst erkannt hat. Und dieses zum „Himmel schreiende UNRECHT“ 😉 der Vertriebenden, darf einfach nicht in Vergessenheit geraten. Oder glaubt wirklich einer noch der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt hat die Vertreibung hautnah miterlebt. Also nur als Quark im Schaufenster! Aber lasst uns zum großen Zusammenhang zurückkehren. Wenn die ganze Sache (soziale Marktwirtschaft) schief geht, und das Volk nach Alternativen schreit, dann hätten die heutigen Machthaber lieber RECHTS als LINKS. Eine neue RECHTE Herrschaft würde die Besitztümer der heutigen Machthaber mit allen Mitteln schützen, eine LINKE Herrschaft wahrscheinlich aber, in Frage stellen. Warum wohl, wird in Deutschland nicht konsequent gegen RECHTS vorgegangen? Ganz einfach, die werden vielleicht nochmal als Alternativangebot GEBRAUCHT! Und eine RECHTE Herrschaft könnte sich gerade, in ihrer Anfangsphase, auf die Vertriebenenverbände hundertprozentig (100%) verlassen!!!

  5. Noga sagt:

    Wahrscheinlich ist es eine blöde Frage,aber ich weiß trotzdem nicht, was es mit den Handbewegungen auf sich hat?
    Wenn ein Zentrum gegen Vertreibung das Bewußtsein dafür weckt oder erhöht, was Entwurzelung für Menschen bedeutet und damit dann ein sensiblerer Umgang mit Vertriebenen und Migranten einhergeht, dann wäre schon etwas gewonnen.

  6. Nante sagt:

    Wenn ein Zentrum gegen Vertreibung das Bewußtsein dafür weckt oder erhöht, was Entwurzelung für Menschen bedeutet und damit dann ein sensiblerer Umgang mit Vertriebenen und Migranten einhergeht, dann wäre schon etwas gewonnen. Zitat NOGA

    JA JA JA

    Das sehe ich allerdings auch so ….
    Obwohl es ursprünglich in Deutschland des Jahre 1945/46 gegen die Flüchtlinge eher weniger fremdenfeindliche Stimmungen herrschte, sondern eher der Ärger über Einquartierungen in – zum Teil sogar auch zerbombten Wohnungen .

    Nantes letzter Blogeintrag: Internationaler Frauentag

  7. Ulinne sagt:

    @Noga:
    Ein „Zentrum gegen Vertreibung“ – gerne, aber nicht unbedingt eines, das von Deutschen organisiert wird. Ohne die Kriegstreiberei der deutschen Verantwortlichen damals hätte es zumindest in Europa diese Vertreibungswelle gar nicht gegeben.
    Und mit der „Handbewegung“ meine ich natürlich den Hitler-Gruß …

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