Hömma, Mr. Westerwelle

Ich lausche gerade Ihrer Rede am politischen Aschermittwoch im TV.
Leistung muss sich lohnen, sagen Sie. Wie wahr, wie wahr. Jemand, der arbeitet, muss mehr haben, als jemand, der nicht arbeitet. Auch wahr – keinerlei Widerspruch.

Leider ziehen Sie die falschen Konsequenzen daraus. Sie wollen nicht, dass die Löhne hart arbeitender Menschen ihrem Arbeits-Einsatz gemäß angehoben werden, Sie verlangen lediglich geringere Steuerbelastungen für Besserverdiener, wollen aber die Hartz IV-Beträge noch weiter nach unten drücken. Doch das löst das Problem nicht – im Gegenteil, das gefährdet den sozialen Frieden, denn von noch weniger, kann man nicht leben. Falls Sie der Meinung sind: Doch, das kann man, versuchen Sie es doch einmal selbst

Sie verweigern sich Mindestlöhnen und tun nichts dagegen, dass Unternehmen sich um das Zahlen ordentlicher und gerechter Entlohnungen, von denen Menschen wirklich leben können, herumdrücken und stattdessen das Geld des Steuerzahlers als Aufstockung mit einplanen. So zahlen wir im Grunde alle dafür, dass ein Arbeitsplatz entsteht und dem Arbeitenden trotzdem nicht genügend Geld für eine menschenwürdige Existenz zur Verfügung steht. Ich mag eigentlich nicht die Lohnzahlungen für die Firmen übernehmen, damit die Chefetagen sich auf diese Weise noch mehr Luxisgüter gönnen können. Oder werde ich auch an deren Gewinnen beteiligt?
Ja, und dass jemand, der hart arbeitet, gezwungen wird, den Staat zusätzlich zu seinem spärlichen Entgelt anzubetteln, Anträge ausfüllen und sich erniedrigen zu müssen, kann es ja wohl auch nicht sein.

Merken Sie denn nicht, dass das absolut entwürdigend und ungerecht ist???
Anscheinend haben Sie den Richtern des Bundesverfassungsgerichtes nicht richtig zugehört. Jedenfalls haben Sie ausgeblendet, was Ihnen nicht in den Kram passt.
Die Richter haben eindeutig zu verstehen gegeben, dass auch Hartz IV-Empfängern ein menschenwürdiges Leben und Teilhabe (auch) am kulturellen Leben zuzubilligen ist, und dass die Hartz IV-Sätze das im Augenblick nicht gewährleisten.
Wer kann diesen Richterspruch nur so interpretieren, dass man die Sätze auch nach unten korrigieren könnte? Also wirklich …! Da muss man schon eine Menge „liberale“ und unbarmherzige Fantasie haben …

So wie Sie das Wort „sozial“ verwenden, klingt es fast wie ein Schimpfwort …

Nee, nee, Mr. Westerwelle, ich hoffe, dass Sie ganz fix wieder weg vom Fenster sind! Nicht die Hartz IV-Sätze müssen nach unten, sondern die Wahlergebnisse der FDP!

7 Gedanken zu „Hömma, Mr. Westerwelle

  1. Christelinchen sagt:

    Du hast es auf den Punkt gebracht. Aber das ist doch altbewährte politische Taktik. Die Masse gegen eine Gruppe aufhetzen um von dem eigentlichen Problem abzulenken.Schuld sind die Hartz IV- Empfänger, nicht die, die sie dazu gemacht haben, denn dann müsste man doch endlich etwas unternehmen und das ist schwieriger als hetzen.Er liegt richtig bei denen, die das System skrupellos ausnutzen. Aber wie viele arbeiten und müssen trotzdem Hartz IV beantragen. Das ist nicht hinnehmbar, das ist weitaus schlimmer als mit den Schmarotzern leben zu müssen.Also sollte W. mal seine Nase in die Windrichtung drehen. Aber das stinkt ihm wohl zu sehr.
    Liebe Grüße
    Christelinchen.

  2. Ulinne sagt:

    Die „Schmarotzer“ sind für mich eh nicht die Hartz IV-Empfänger, Christelinchen, zumindest nicht die große Mehrheit, die diese Leistung völlig zu Recht beziehen und sich vor Arbeit nicht drücken würden.
    Schmarotzer sind für mich eher die fetten Maden, die sich überall die dicken Rosinen herauspicken, Firmen mit ihren überdimensionierten Manager-Gehältern aussaugen, unverdiente Bonis einstreichen, mit dem Geld der Leute herumzocken etc. …
    Leider denkt man zuerst immer an die Armen, wenn man den Begriff hört, aber es sind diejenigen, die sich ständig auf Kosten der Armen bereichern und dazu auch noch Steuern hinterziehen. Dagegen sind die kleinen Schwarzarbeiter, die ihre Existenz sichern müssen, ein Fliegenschiss …

    Liebe Grüße zurück
    Ulrike

  3. Richie sagt:

    Das ist die Quittung für all jene Dummbaxe, die tatsächlich gedacht haben, die FDP wäre plötzlich Volkspartei geworden.

    Westerwelle ist Klientelpolitiker der schlimmsten Sorte. Noch schlimmer ist, dass er keine Ahnung von den Realitäten hat und alle über einen Kamm schert. Schade, dass solche Menschen so eine Plattform haben – tragisch noch dazu, dass der Typ Außenminister ist.

  4. Wolfgang aus Greifswald sagt:

    Der saubere Herr VizeKannsnich, ja was haben die Blaugelben vor der Wahl gezetert ob der vielen StaatsBeamten der damaligen Großen Koalition – und nun machen die genau das, wofür sie die Vorgängerregierung gescholten haben. 1000 neue BeamtenStellen. Chapeau Herr Westerwelle!
    KlientelPolitik, PöstchenSchacher und Von-Unten-Nach-Oben-Verteilung vom allerfeinsten. Es ist genau das eingetreten, was von den „Besserverdienern“ zu erwarten war. Und so entwickelt sich das immer weiter bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht und die sog. ParteienDemokratie kollabiert und irgendein HeilsPrediger auf die Bühne springt und den frustrierten Leuten den Himmel auf Erden verspricht. Und dann wird wohl wiedermal kein Stein auf dem anderen bleiben. Der sog. Soziale Frieden wird nach meinem Dafürhalten nur deshalb noch zusammengehalten, weil es so reichlich VerblödungsFernsehen à la „Brot und Spiele“ gibt. Sonst würden viel mehr Leute über ihre Situation nachdenken und aufbegehren. Bleiben wir wachsam, sorgen wir bestmöglich dafür, daß die BlauGelben beim nächsten Mal wieder da landen, wo sie hingehören, irgendwo bei 3%. Mal schauen, was in NRW demnächst rauskommt.
    Und : ein Außenminister, der sich weigert, englisch zu sprechen?? ja halllooo? Fehlbesetzung! Wer weiß, in welche FettNäpfe dieser feine Herr noch zu treten beabsichtigt.
    … und die Kanzlerin blicket stumm
    um den ganzen Tisch herum.
    Liebe Grüße aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.

  5. sue sagt:

    Du schreibst oben, von noch weniger könne man nicht leben und Westerwelle sollte es mal versuchen. Im übertragenen Sinne mache ich das gerade für den:

    Ich lebe mit den Kindern von Hartz IV.
    Meine Tochter sucht eine Ausbildung und hat bis dahin einen Minijob. Das Geld, welches sie verdient, wird uns angerechnet – und sie soll sich gefälligst um weitere Minijobs bemühen. Hallo?! Das Mädel muss sich um Ausbildungsplätze bemühen und nicht darum, dass sie ihre Mutter ernährt.

    Ich selbst mache eine Umschulung, bin deshalb jeden Tag 9 Stunden ausser Haus. Wäre ich Rehafall, würden mir ~125 Euro Mehrbedarf zustehen wegen Aufwendungen für Fachbücher etc. Ich brauche die gleiche Bücher, aber pro Buch 40 Euro und mehr?!
    In meiner Truppe sind die meisten Leute Rehabilitanten. Für die werden die Kosten fürs Mittagessen vom Rehaträger übernommen, ich müsste 2,40 zahlen. Zugegeben… das ist für ein Essen nicht viel, aber leisten kann ich mir das nicht.

    Dann ist da noch die Sache mit der aktuell anstehenden Kiefer-OP bei Paul (jetzt 15). Der hatte mit 18 Monaten einen Unfall und musste in der Folge mehrfach am Kiefer operiert werden, um die Schäden zu richten. So auch jetzt wieder; allerdings soll er jetzt keine Narkose mehr bekommen für den Eingriff – es sei denn, wir zahlen die selbst.
    Ich zahle diese Narkose, weil wir diese Operationen schon kennen und ich habe selbstverständlich mal eben so 100 Euro nebenher übrig…

    Ach ja – heute früh habe ich dann mal wieder bei der Arge gefragt, warum das Geld für den März fehlt. Eigentlich wollte ich meine Miete zahlen, aber das wird erst mal nichts, bis man herausgefunden hat, was schief gelaufen ist. Und wozu auch Miete zahlen – ich schmarotze eh den ganzen Tag in der Ausbildung, bin nicht zuhause und krieche ziemlich auf dem Zahnfleisch 🙁

    Westerwelle sollte mal 3 Monate leben in dieser ’spätrömischen Dekadenz‘.

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